Sticken für ein Kinderlächeln

Mika

Name: Mika

geboren am: 09.04.2004

Mama und Papa: Corinna + Thomas

Geschwister: Patrick (19 Jahre)

Mikas Geschichte

Wir sprechen in Bildern

Unser kleiner Pflegesohn Michael (Kosename Mika) wird im April 2009 bereits fünf Jahre alt und ist ein frühkindlicher Autist mit einer geistigen Behinderung.

Das waren die Eckdaten die unseren kleinen Schatz „theoretisch“ beschreiben.
Jeder Eingeweihte, der auch nur ungefähr etwas von Autismus versteht, wüsste jetzt Bescheid.
Doch Michael ist noch viel mehr ….

Wenn ich einer fremden Person erzähle, dass Michael aufgrund seines Autismus etwas „anders“ ist und eben nicht brav die Hand zum „guten Tag“ geben kann, wird mir oft spontan die Frage gestellt: „Oh, was hat er denn für eine Begabung?“.
Ich hole dann wieder einmal tief Luft und sage lächelnd: „Er ist glücklich!“.

Dann fange ich meinem verdutzten Gegenüber an zu erklären, dass, wenn überhaupt eine „Inselbegabung“ vorliegt, nur ein Asperger Autist diese haben kann, was den Unterschied zwischen einem frühkindlichen und einem Asperger Autisten (Asperger Syndrom) überhaupt ausmacht, dass Michael solch eine Hochbegabung niemals haben wird und welche Michaels Beeinträchtigungen sind.
Wenn dann mein Gesprächspartner erfährt, dass mein Sohn, aufgrund seiner Einschränkung, ja überhaupt noch nicht spricht, es hoffentlich später oder vielleicht sogar nie, erlernen wird, werde ich oft mitleidsvoll angesehen.

Dabei reden Michael und ich den ganzen Tag miteinander und dafür brauchen wir nicht einmal viele Worte.
Nein, wir benutzen dazu Bilder.
Heute haben wir bereits fünfundsechzig Fotos laminiert, auf denen alle möglichen Alltagssituationen, die Michael betreffen zu sehen sind. Angefangen mit dem „Essen“- und „Trinken“ Bild, worauf jeweils eine Tasse und ein Teller, voller leckerer Nudeln, zu sehen sind, über unser Auto, bis hin zu seinen Lieblingsspielsachen.
Auf allen Bildkarten habe ich darunter den jeweiligen Begriff geschrieben, damit Jeder, der mit Michael über die Karten kommuniziert, sie versteht und auch richtig benennen kann.

Natürlich hört sich das viel an, fünfundsechzig Bildworte für ein schwer geistig behindertes Kind, aber wir reden immer nur in maximal Zweibildwortsätzen.
Wichtig dabei ist, dass Michael bereits weiß, dass wir zuerst das erste Bild abarbeiten, danach das Zweite.
Dabei ist das Letztere fast immer das Bild seiner „Belohnungsbox“, worin sich Kekse befinden.
Wenn er also seinen Vitaminsaft bekommen soll, halte ich ihm ein Bild mit einer Medizinflasche hin und sage: „erst Medizin“ und dann zeige ich ihm das zweite Bild mit der Bemerkung: „dann Belohnung“ oder „erst Toilettenstuhl“, dann „Belohnung“ und so weiter.
Auf diese Weise zeige ich ihm klar und begrenzt, was auf ihn zukommt. Michael weiß genau, dass alles halb so schlimm ist, was ich von ihm erwarte, wenn es nur hinterher seine heiß und innig geliebten Kekse gibt (früher war es übrigens Käse, ich bin froh, dass es heute nur Minikekse sind).
Auf diese Weise kann ich ihm sogar die Haare oder seine Fingernägel schneiden.
So verfahre ich mit fast allen Situationen seines Alltags und habe in jedem Zimmer unseres Hauses Karten bereit, die ich ihm zeigen kann. Es hängen beispielsweise im Bad die Bilder der Badewanne, der Zahnbürste, des Kammes und seines Toilettenstuhls, im Wohnzimmer ein Sessel und seine Teletubbies (für die er sogar freiwillig ganz ruhig auf dem Sessel sitzen bleibt), im Flur seine Schuhe und die Jacke. Michael kann an den angezeigten Bildern die Situationen einschätzen und macht geduldig mit.
Dadurch erspare ich ihm viele Wutanfälle, die nichtsprechende Autisten bekommen, weil sie überfordert sind und nicht verstanden werden.

Weil mein Sohn schon genau die Autostrecke zum geliebten „Bällebad“, also zum Autismus- Therapie-  Zentrum Paderborn kennt und diese lautstark einfordert, wenn wir „falsch“ abgebogen sind, haben wir im Auto Bilder deponiert, die unter anderem einen Einkaufswagen, seine Kindergartengruppe, unser Haus und natürlich auch das Bällebad zeigen.
So weiß er immer, wohin es geht, bleibt ruhig und „kräht“ im Kindersitz freudig seine Lieblingsmelodien.

Die Fotokarten geben meinem Sohn große Sicherheit und Berechenbarkeit, wodurch schließlich doch noch eine Portion Urvertrauen wachsen kann, denn Mika hat neben dem Autismus auch noch als traumatisiertes Pflegekind seinen eigenen Rucksack an schlechten Erinnerungen zu tragen.

Aber an diesem Punkt will ich noch nicht stehen bleiben.
Denn bisher habe ich nur beschrieben, wie ich selber mit ihm rede. Michael kann nämlich auch antworten, zwar erst in minimaler Form, doch das ist bereits der erste Schritt in die richtige Richtung.

Wenn wir am Tisch sitzen um zu speisen, liegt zwischen ihm und seiner Tasse die Karte „Trinken“ und vor dem Teller liegt die Karte „Essen“. Michael hat bereits gelernt auf meine Frage: „Was möchtest du?“ eine Karte in die Hand zu nehmen, um sie mir zu geben.
Ich nehme sie ihm ab, halte das Bild in seine Richtung an mein Kinn und sage den Begriff der auf der Karte steht, wie zum Beispiel „Essen“, lege sie zurück, füttere ihn und sage dabei: „Michael möchte essen.“.
So verfahren wir etwa die Hälfte der Essenszeit, dann lege ich die Karten beiseite, weil ich merke, dass Michael langsam satt wird und keine Lust mehr hat aufzuzeigen, was er will.

In ein paar Wochen werde ich ihn auffordern seine Spielsachen selber auszusuchen, die Karten dafür kennt er ja bereits gut.
Zuerst wird er zwischen zwei, dann bis maximal vier Sachen wählen können.
Wenn er älter ist, kann diese Methode in allen Bereichen angewendet werden.
Er kann sich dann beispielsweise sein Essen selber aussuchen, seine Anziehsachen oder Aktivitäten.

Unsere Bildsprache ist eine besondere Sprache, die uns miteinander verbindet, uns die Möglichkeit gibt in Kontakt zu treten, welche Michael überall anwenden kann und mit welcher er überall verstanden wird.
Ja und wer weiß, vielleicht motiviert sie ihn  dazu, eines Tages sogar zu sprechen.

Ein letzter Gedanke noch:
Trotz allem, kann eine Situation auf keinem Foto oder Bildkarte ausgedrückt, eingefordert oder angezeigt werden, nämlich die, wenn Michael glücklich ist, mich plötzlich voller Überschwang umarmt und schallendes Lachen unser Zuhause durchdringt.
Darin unterscheidet er sich von keinem sprechenden Kind.
Diesen Moment darf ich als besonderes Geschenk dankbar annehmen.

Der Wandbehang für Mika ist fertig!



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